Minarett-Abstimmung: Das Thema bewegt die Online-Welt immer noch
In der bisherigen Debatte um die Auswirkungen der Minarett-Initiative ist die Online-Welt ein wenig zu kurz gekommen. Zwar wurden diverse Berichte über die weltweite Medienresonanz veröffentlicht, welche sich allerdings praktisch ausschliesslich auf Medien ausserhalb des Internets bezogen. Grund genug für die beiden Unternehmen Netbreeze und DREIZWEIEINS, das ausgesprochen grosse und dynamische Online-Feld mittels semantischer Web-Technologie genauer unter die Lupe zu nehmen.
Seit dem 17. November 2009 wird das Internet mit Hilfe modernster Technologie der Firma Netbreeze aus Dübendorf systematisch nach verschiedenen politisch brisanten Themen abgesucht. Eines davon ist die Minarett-Initiative. Zu den untersuchten Quellen gehören Online-News (Internetportale von Medien), Blogs und Microblogs (Twitter). Die Suche erfolgt in den Sprachen Englisch, Deutsch, Französisch und Arabisch.
Die ersten Ergebnisse werden heute zeitgleich mit einer Medienmitteilung kommuniziert. Der Politradar wird in Monatsabständen politisch brisante Themen näher beleuchten und Entwicklungen aufzeigen.
Enorme Dynamik
Was in Bezug auf die Auswirkungen der Minarett-Initiative als erste auffällt ist die enorme mediale Dynamik in der Online-Welt.
Wie der oben stehenden Grafik zu entnehmen ist, hatten die Online-Medien kurz vor der Abstimmung den Lead. Am Tag des Urnengangs hat Twitter die zahlenmässige Führung übernommen, gefolgt von Blogs und Online-Medien. Twitter ist anschliessend relativ schnell wieder auf ein tiefes Niveau abgeflacht, Online-Medien und Blogs blieben allerdings auf einem vergleichsweise hohen Stand von durchschnittlich fast 200 Publikationen pro Tag – ein klares Indiz für die Emotionalität des Themas. Es hält sich auch noch mehr als zwei Wochen nach der Abstimmung hartnäckig in der Online-Welt.
Anmerkung: Meistens handelt es sich bei den Twitter-Beiträgen um Verweise auf Online-News, Blogs oder Ähnliches. Microblogs können in diesem Kontext als Verstärker bestehender Inhalte gewertet werden.
Über 10′000 Publikationen
Insgesamt wurden bis gestern (das Screening läuft noch weiter) in Online-Medien, Blogs und Microblogs 10′465 Nachrichten publiziert. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum wurde das ebenfalls international kontrovers diskutierte Thema Bankgeheimnis lediglich 665 Mal in nationale und internationale Online-Berichterstattungen und Blogs aufgenommen.
55 Prozent der Berichte und Blogs wurden in Englisch, 26 Prozent in Deutsch, 12 Prozent in Französisch und 7 Prozent in Arabisch verfasst.
Praktisch alle in den untersuchten Sprachräumen relevanten Medien haben sich ein oder mehrere Male zum Thema Minarett-Initiative geäussert. Die Liste umfasst unter anderem die Online-Plattformen von CNN, Al Jazeera, NY Times, Spiegel, BBC, Times, Forbes Magazine, France 24 etc. Aber auch Portale aus der islamischen Welt zeigten sich ausgesprochen aktiv, darunter beispielsweise islamonline.com und turkishweekly.net. Mit Abstand am meisten Nennungen verzeichnet das neunsprachige Schweizer Portal swissinfo.ch.
Zudem ist das Thema in die hintersten Winkel der Welt vorgedrungen, wie etliche Publikationen in lokalen Online-Medien belegen.
Die häufigsten und bemerkenswertesten Begriffe und Ausdrücke im Rahmen der Publikationen aus Schweizer Optik waren:
„Minarett-Verbot“, „Menschenrechte“, „Religionsfreiheit“, „Anti-Minarett-Initiative“, „emotionale Debatte“, „Angst vor gewalttätigen Reaktionen“, „internationales Recht“, „Grundrechte“, „klare Diskriminierung“, „Überraschungsabstimmung“, „… wird der Schweiz Schaden zufügen“ und „Parallelgesellschaften“.
„diskriminierend“, „radikal“ und „desaströs“
Auffallende, negative Adjektive in Verbindung mit der Minarett-Initiative waren:
„anti“ (1374 Nennungen), „diskriminierend“ (357), „nationalistisch“ (268), „konservativ“ (176), „illegal“ (164), „besorgniserregend“ (148), „desaströs“ (130) und „radikal“ (128).
Alle diese Adjektive wurden in Zusammenhang mit „Schweiz und Minarette bzw. Minarett-Initiative“ mindestens 120 Mal in Berichten und/oder Blogposts erwähnt. Dies mit einem gravierenden Imageverlust der Schweiz gleichzusetzen wäre allerdings verfrüht. Hier braucht es vertiefte Untersuchungen sowie einen Abgleich mit offline-Medien und realwirtschaftlichen Entwicklungen.
Bisher keine organisierten Boykottaufrufe
Beruhigend: Bisher gab es online keine organisierten, flächendeckenden Boykott- und/oder Sanktionsaufrufe gegen die Schweiz (siehe Medienmitteilung) – mit der Betonung auf bisher. Denn erinnert man sich an die heftige Auseinandersetzung um die dänischen Mohammed-Karikaturen, fällt auf, dass zwischen der Veröffentlichung der Karikaturen und der eigentlichen Welle der Empörung mehr als drei Monate vergangen sind. Aus diesem Grund wird die Beobachtung des Themas im Rahmen des Politradars konsequent fortgesetzt.
Wir bleiben an diesem kontroversen und spannenden Thema auf jeden Fall dran.
François Rüf, Netbreeze
Harald Burgener, DREIZWEIEINS
Minarett-Abstimmung: Das Thema bewegt die Online-Welt immer noch

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